Einschreiben am nächsten Tag im Briefkasten?

Die Post wird in der Regel am nächsten Tag zugestellt. Wenn ein Brief verschickt wird, entzieht sich dieser jeglicher Kontrolle. Ausnahme Einschreiben, dort wird eine Nummer vergeben und die Sendungsverfolgung startet.

Gerade bei Pässen mit Visa muss dieses System verlässlich sein. Der Kunde benötigt den Pass möglichst rasch. Ist dieser nicht zuhause, legt der Briefträger eine Abholungseinladung in den Briefkasten. Wird diese vergessen, keine Chance, der Brief bleibt am Postamt liegen und geht zurück. Von selbst landet ein solcher nie im Briefkasten.

Internet vereinfacht das Leben immens. Die Sendungskontrolle zeigt alle Schritte, die ein Brief zurücklegt. Überall arbeiten Scanner mit genauer Uhrzeit, um den ganzen Weg zu erfassen. Wird eine Station verpasst, kann nachverfolgt werden, wo genau was scheiterte.

Die Post versucht die Zeit in den Griff zu bekommen, ein perfektes System zu entwickeln. Doch dies führt auch zu Mehrarbeit für jeden Briefträger, jeder muss somit alles einscannen, aber die Arbeitszeit der Postboten sind gleich geblieben. Auch wenn manchmal weniger Post zu verteilen ist, so sind doch die Wege gleich oder ähnlich lang.

Den richtigen Spagat zu finden zwischen zeitlicher Kontrolle und dem Schwatz mit den Kunden erweist sich als grosse Aufgabe. Leider haben die Finanzkräfte der oberen Segmente die Oberhand und die Zeit getaktet. Jede Minute muss sich auch bei Briefträger rechnen.

Tortellini – in 15 Minuten Mittagessen

Punkt 12 Uhr wird gegessen. So lernten es die Kinder, die Zeiten waren durchgetaktet, bewirkten deren heutige Präzision, eigentlich oft eine eingeimpfte Präzision.

Im Büro, wo ich bin, stehen eine Mikrowelle, eine Herdplatte, ein Kühlschrank, genügend Platz für Gewürzgurken, Silberzwiebeln, Oliven etc.. So lässt sich ein feines Mittagessen zaubern.

Um 11:35 mache ich mich auf den Weg, um Tortellini zu kaufen; der Supermarkt fünf Minuten entfernt, insgesamt 13 Minuten für meine Besorgung; drei Minuten an der Kasse, fünf Minuten Rückweg. Drei Minuten, um Wasser zu erhitzen und alle Beilagen auf dem Teller anzurichten, Tortellini drei Minuten aufkochen. Pünktlich um 12 Uhr, also genau 19 Minuten später kann gegessen werden.

Schreiten wir einmal zur Tat, merken wir, wie hervorragend wir planen können. In Restaurants wickelt sich das ähnlich ab wie oberhalb beschrieben und mag sogar noch etwas effizienter gelingen. In einem Restaurant hat man innert 20 Minuten samt Bestellungsübernahme gespeist. Eine halbe Stunde Mittag genügt wirklich.

Essen bedeutet ja auch Gaumenfreude, zu speisen dient der Erholung, zum Abschalten, Ausspannen und gemütlichen Smalltalk. Beachtet man dazu die innere Uhr, ist das von beachtlichem Vorteil, besonders hinsichtlich Tages- und Nachtzeiten. Hierzu via Link eine klare Übersicht darüber, wann und wozu jedes Organ bereit ist, auf Hochtouren zu arbeiten.

Überdies sind 35 Minuten deutlich zu wenig, ist eine Anfahrt zum Restaurant erforderlich. Möchte man im Anschluss gemütlich Kaffee trinken, beläuft sich solch ein Besuch sogar im Nu auf 90 Minuten. Ein solches Angebot, beziehungsweise eine länger andauernde Möglichkeit des Genusses beabsichtigen Restaurants immer weniger; «keine Tortellini mehr, nur noch Sandwiches und fertige Salate.» Das führt allerdings öfters zu gestressten, ausgebrannten Mitarbeitern.

Bewerbung bei Viktoria Jungfrau

Die Jungfrau Viktoria ist das wohlbekannteste Hotel in Interlaken. Ich möchte mich mit Franz treffen, soll erstmals in seine Wohnung kommen. Die Behörden machen ihm zu schaffen.

Im Zug reflektiere ich kurz darüber, wo wohl ein besserer Treffpunkt sein könnte. Gleich kommt mir das Hotel Jungfrau Viktoria in den Sinn. Zwischen Interlaken Ost und Interlaken West liegt es ziemlich mittig, mit 10 Minuten Fussweg vom Bahnhof aus.

Schicke ich ihm jetzt eine SMS, und er würde den nächsten Zug nehmen, könnten wir uns dort um 12:15 Uhr treffen. Doch wie helfe ich ihm? Er bezieht Sozialhilfe und bräuchte dringend eine Stelle. Er kann klar und überzeugend formulieren, ist freundlich und bestimmt noch mehr als das, aber durch seine Armut verunsichert.

Kann ich die Personalabteilung dazu bewegen, kurz mit ihm zu sprechen? Gerade jene, die mit Bewerbungen überschwemmt werden? Fast jeder möchte doch in einem solchen Hotel arbeiten, das dazu noch eine prima Referenz hergeben würde.

Das Einstellungspersonal ist im Haus, das habe ich vorher geprüft. Ich möchte es versuchen. Auf dem Weg von Interlaken West zum Hotel habe ich die Zeit wunderbar im Griff. Punkt 12 Uhr bin ich dort und versuche mit der Personalabteilung auch über meine Anliegen zu sprechen. Meine Ideen, ein Bienenhotel thematisch zu integrieren, oder dass jemand den Gästen vorliest, oder eben mit einem kleinen Job mit Franz, stossen auf keinerlei Interesse.

Ich begreife die Unzufriedenheit einfacher Leute durch elitäres Verhalten, also ist es wahrscheinlich kein Job für Franz. Auf der anderen Seite gehören immer zwei dazu; mit einem lockeren Lächeln auf den eigenen Lippen erfreut sich fast jedes Gegenüber, ob nun sogenannt «elitär» oder «einfach».

Ich sollte nächstes Mal auf meine innere Haltung achten, um durchwegs entspannt und lächelnd aufzutreten. Womöglich würde sich das Hotel mit noch mehr neuen Ideen und Angeboten auch überladen. An Gästen fehlt es der Jungfrau Viktoria ebenso nicht. Deshalb kann ich dieses Desinteresse auch irgendwie verstehen. Da würde am Ende auch kein Lächeln helfen, aber immerhin ein Gespräch aufwerten.

Franz ist energielos, die vielen Absagen machen ihm zu schaffen, als ich ihn vor dem Hotel treffe. Er möchte, dass ich etwas für ihn schreibe. Doch sollte er auch selbst etwas an seiner Situation ändern, was er nicht möchte. Er bleibt draussen stehen, als ich schliesslich im «Patek Philippe» eine kurze Diskussion über die Frage beginne, wie man mehr Amerikaner nach Interlaken heranziehen könnte. Überdies fehlt es ihm mittlerweile an Zeit, also geht`s zurück in seine Wohnung, um dort weiterhin Sanktionen zu ertragen.